Adventistische Pastorin wird deutlich

In Predigten und einem Artikel in Adventisten Heute habe ich auf die Zerrissenheit unserer Kirche hingewiesen, unter der unsere Kirche seit der Generalkonferenz in San Antonio leidet - nicht nur, aber insbesondere in Bezug auf die Frage der Ordination. 

In der Gemeinde Neuenhagen - mit einer Frau als Gemeindeleiterin und zwei Pastorinnen von insgesamt vier Pastoren in den letzten Jahren herrscht reichlich Kopfschütteln und Unverständnis über das, was in San Antonio geschehen ist. Deshalb ist dies vielleicht ein guter Platz für die Übersetzung eines Artikels, der gestern bei "SPECTRUM" erschien. SPECTRUM ist eine unabhängige, kritische Publikation von Adventisten, die einen offenen Dialog untereinander fördern möchte - und genau deshalb von manchen als "liberal" bezeichnet wird, obwohl auch sehr konservative Stimmen unzensiert zu Wort kommen.

Der folgende Artikel ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Frauenordination, sondern Ausdruck einer Befindlichkeit - wie sie mir in Variationen seit San Antonio vielerorts begegnet. So sollte er auch gelesen werden, mit wachen, barmherzigen Augen. Er zeigt den Schmerz, das Leid, das Unverständnis über die Art und Weise einer Entscheidung, die zwar mehrheitlich war (knapp), aber doch sehr viel Schaden angerichtet hat. Der Beitrag wurde von einer adventistischen Pastorin geschrieben, deren Identität von SPECTRUM und so auch hier geschützt wird.  Ich bedanke mich bei SPECTRUM und der Autorin, den Beitrag hier auf deutsch veröffentlichen zu können.

 

Die Priesterschaft EINIGER Gläubiger


Vor zwei Monaten saß ich im Alamodome in San Antonio und lauschte in Traurigkeit. Mein Herz war zerstückelt und meine Seele zerschlagen, als ich frauenfeindlicher Rede um Rede von Männern mit klarer Verachtung für Frauen zuhörte.  Ich konnte nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, dass  ich einer Kirche angehöre, die solche abwertende Sprache akzeptabel findet. Ich konnte nicht umhin zu denken, dass, würde man „Geschlecht“ mit „Rasse“ austauschen, die Hölle buchstäblich losbrechen würde.

Ungläubig hörte ich den Vorsitzenden der Geschäftssitzung reflektieren, dass der Diskurs ein respektvoller gewesen sei! Meine Seele schrie:  „Wie ist es respektvoll,  Teufel genannt oder mit dem Okkulten in Verbindung gebracht zu werden? Wie kann man nicht sehen, dass das respektlos ist?

Es fühlte sich an, wie Wellen von Missbrauch, die über uns zusammenschlagen, die wir als weibliche Geistliche in der Adventgemeinde  dienen.

Als die Menschen um mich herum im Alamodome jubelten und klatschten und ich ihnen zuschreien wollte: "Wie könnt ihr so unchristlich sein?" … schwieg ich wie eine missbrauchte Frau und tröstete als Pastorin jene, die  aufgelöst waren.

Meine Seele war benommen, als ich zu Gott schrie: „Wo willst DU mich haben, wenn meine Kirche mich nicht will;  wenn die Theologen eindeutig geschlechts-inklusiv sind, aber Männer, die Frauen anscheinend nicht ertragen, den Freiraum erhalten,  hasserfüllte Worte und falsche Theologie mit der vollen Unterstützung der höchsten Führung in meiner Kirche zu entfesseln?“

Die Botschaft, die ich höre ist, dass Frauen einfach aufhören sollten, solch ein großes Aufhebens zu machen. Wir sollten dankbar sein, dass wir anwesend sein durften.  Tatsächlich sollten wir außerhalb des Heiligtums sein, während Männer ohne Qualifikation auf der Kanzel stehen und das Gottesbild verzerren können.

Wie viel Missbrauch soll ich auf mich nehmen, und für wie lange wird die Kirche mich dafür schlagen, als Frau von  Gott berufen zu sein, ihm zu dienen? Vielleicht sollte ich ganz gehen. Das ist, was ich heute Abend, zwei Monate später, denke. Ich versuche Heilung für meine Seele zu finden.

Während der letzten zwei Monate war es schwierig, sich auf das Nächstliegende zu konzentrieren. Ich muss mein gutes professionelles Gesicht wahren, denn ich kann nicht Wut oder Ablehnung zum Ausdruck bringen. Ich kann nicht öffentlich sagen, dass meine Kirche im Unrecht ist, denn wenn ich es täte, dann würde ich als wütende Frau etikettiert, die nur so sein wolle,  wie ein Mann, und die Kirche aus egoistischen Gründen zu spalten sucht. Ich darf nicht zulassen, dass meine Gefühle sich zeigen, weil sonst mein Arbeitsplatz in Gefahr wäre, während die Tore der Beschimpfungen gegenüber weiblichen Pastoren jetzt weit geöffnet und akzeptiert sind.  Immerhin hat die Generalkonferenz gesprochen.

Ich habe wohl zu respektieren, dass die Mehrheit Recht hat, dass meine Stimme keine Rolle spielt, dass es am besten wäre, mich einfach zu setzen und die Klappe zu halten, dass ich irre, wenn ich glaube, Gott kann eine Frau berufen. Wenn ich weiterhin in der Kirche arbeiten will,  dann muss ich über die Frage der Ungerechtigkeit schweigen und Verständnis für jene Menschen zeigen, die keine weiblichen Pastoren wollen; ich sollte meine eigene Agenda nicht verfolgen.

Und in dieser gleichen Kirche habe ich Männer getroffen, die ihre Ordinationslaufbahn berechnen. Ich höre von nicht-theologisch ausgebildeten Männern, die Ordinationsurkunden dafür erhalten, dass sie Führungspositionen in der kirchlichen Hierarchie eingenommen haben. Das soll ich als akzeptabel verstehen. Ich solle mich demütigen und nicht jene  Anerkennung erbitten, die durch die Ordination zum Ausdruck kommt.

Wir haben die Ordination, wie es scheint,  für eine Ewigkeit diskutiert. Diese Erörterungen sind nicht neu. Neu sind die heftigen, giftigen Reden, die sich in der Anzahl gehäuft haben, und die Geringschätzung, die auf der ganzen Welt als "regulärer, akzeptabeler adventistischer Glauben“  durch Medien-Plattformen der Kirche weiter gereicht wird.

Als protestantische Kirche beanspruchen wir, die Priesterschaft aller Gläubigen  zu wahren, und  sagen, dass es  in Christus keinen Unterschied gibt  - weder  Jude noch Grieche, weder Mann noch Frau. Aber in der Adventgemeinde sind  die Unterschiede ebenso klar, wie  einschränkend.

Ist also die Organisation der Adventgemeinde wirklich heute noch Gottes Kirche? Wir sind ganz klar eine Priesterschaft einiger Gläubigen, nicht aller.

Ja, ich bin verletzt und ja, ich bin von meiner Kirche desillusioniert. Ja, ich glaube, dass meine Kirche Gott nicht nachfolgt.

Wenn wir auf Männer hören, die Frauen so sehr verabscheuen, dass sie sie nicht als gleichberechtigt akzeptieren können, frage ich mich: Wenn du hasst, was Gott nach seinem Bilde geschaffen hat, hasst du nicht auch Gott?  Ist das der Weg, den die Kirche gehen will?

Nach der Generalkonferenz in San Antonio  ist es so – und das ist beängstigend!

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau."

Ich fühle mich erschöpft. Soll ich bleiben oder gehen? Dies ist meine Frage an Gott. Die Weltkirche hat in San Antonio deutlich gemacht, dass es am besten wäre, wenn ich, als Frau (Pastorin) unsichtbar bliebe, wenn ich meine "so missverstandene" Berufung hinter den Kulissen erfüllte, am besten ungesehen und ungehört.

 

 

 

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Gelesen 2136 mal Letzte Änderung am Sonntag, 20 September 2015 12:30
Freigegeben in Neues aus Neuenhagen
Webmaster Adventgemeinde Neuenhagen

Webmaster dieser Website, ist Andreas Bochmann, Hochschuldozent für Ehe- und Lebensberatung und Supervisor (DGSv). Vom Grundberuf und innerer Berufung ist und bleibt er Pastor und Seelsorger. In der Gemeinde Neuenhagen war er von 1997 bis Ende 2016 aktiv, hat seine Frau in der Pfadfinderarbeit unterstützt, war in der Diakonie tätig, hat des öfteren das Bibelgespräch angeregt, etwa zwei Mal im Quartal gepredigt - und eben die Website gestaltet.

Mittlerweile ist er in den Fläming, in die Nähe seiner Arbeitsstelle gezogen, nimmt aber weiter Anteil an den Geschehnissen der Gemeidne Neuenhagen.

Webseite: www.bochmann.com
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